Vernachlässigte Vermittlung. Zur Rolle der Lehre in der universitären Bildung
KARL FUCHS
Im Zusammenhang mit dem Aufbau des ISTA (Institute of Science and Technology Austria) – besser bekannt als Elite – Universität Maria Gugging – teilt uns die Presse in einer Aussendung mit: ‚In den nächsten Monaten könne die Forschungsarbeit beginnen’[1]. Im selben Beitrag erfahren wir etwas später Näheres über die Personen, die dort arbeiten werden. Es wird sich um sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler[2], handeln, die als ‚drei theoretische und drei praktische Forscher’ näher charakterisiert werden.

Die andere Exzellenz

Prototypisch an dieser Aussage ist der Umstand, dass Exzellenz – Initiativen weitestgehend nur über die Forschung argumentiert werden[3]. Sollten aber nicht Exzellenz – Initiativen in der Forschung durch Exzellenz – Initiativen in der Lehre ergänzt werden?

Mit meiner Habilitation im Jahr 1998 habe ich die Venia Docendi aus Didaktik der Mathematik d. h. die Lehrbefugnis für dieses Fachgebiet erlangt. Meine Aufgabe sehe ich seit jeher darin, Beiträge meiner eigenen Forschung im Bereich der Fachdidaktik Mathematik und Informatik auf nationalen und internationalen Konferenzen vorzutragen und zu publizieren. Zum anderen ist mir aber auch die hohe Qualität meiner Lehre ein besonderes Anliegen. Berechtigter Weise wird man von mir nun Kriterien einfordern, wonach man qualitätsvolle Lehre beurteilen kann.

Kriterium Aktualität

Hinsichtlich der Struktur des Kriterienkatalogs möchte ich eingangs bereits darauf hinweisen, dass die einzelnen Kriterien keinesfalls scharf voneinander zu trennen sind, sondern vielmehr jeweils starke Überlappungen besitzen. Da ist zunächst die Forderung nach Aktualität. Sie bezieht sich zum einen auf die Inhalte, zum anderen auf die Methoden. Aktuelle Inhalte zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Stand aktueller fachbezogener Forschung wiedergeben, aber auch dadurch, dass sie hohe Relevanz für den Beruf besitzen, den die Studierenden mit ihrem Studium anstreben.

Die Aktualität der Methoden wird zumeist mit dem Einsatz Neuer Medien in der Lehre in Verbindung gebracht. Das ist soweit zunächst auch richtig, denn es gehört zu einem zeitgemäßen Vortragsstil, dass ein Referat von einer Folienschau, die mit einer Präsentationssoftware erstellt wurde, begleitet ist oder dass Graphen, die zur Dokumentation herangezogen werden, von einem Computer Algebra System geplottet wurden.

Kriterium Menschenbezug

Dennoch ist dieser Fokus auf die Neuen Medien noch nicht die ganze Wahrheit bei der Forderung nach der Aktualität der Methoden. Zeitgemäße Lehre zeichnet sich verstärkt durch eine Hinwendung zum Menschen – einem weiteren Kriterium für Qualität – aus. In einem ‚Design – Prozess’[4],wie es das problembasierte Lernen (PBL) nennt, erwerben die Studierenden ihre fachlichen Kompetenzen. Konstruktion ergänzt die bloße Instruktion.

Ergänzend zum Modell des PBL sind überdies die Kriterien der Nutzung unterschiedlicher Arbeitsformen zu nennen, etwa die Einrichtung von Projektgruppen oder die Abhaltung von geblockten Intensivseminaren sowie die Arbeit in anwendungsorientierten Kontexten, d. h. (fächerübergreifende) Probleme mit starkem Realitätsbezug.

Einen ganz wichtigen Stellenwert in der Lehre nimmt auch die Betreuung von Studierenden bei der Abfassung ihrer Diplomarbeiten und Dissertationen ein. Als Kriterium dafür möchte ich die Förderung einerseits und die Forderung andererseits nennen. Mit Förderung adressiere ich zum einen den Prozess der gemeinsamen oft mühsamen Themenfindung, zum anderen die Beratung bei der Auswahl geeigneter Studienliteratur. Mit der Forderung geht es mir um die Formulierung eines individuell abgestimmten Anforderungsprofils. Diese schwierige Aufgabe setzt eine gute Kenntnis der Fertigkeiten und Fähigkeiten der Studentin / des Studenten voraus.

Beide Kriterien beanspruchen erfahrungsgemäß große Zeitressourcen des Lehrenden. Keinesfalls erhebe ich mit den genannten Kriterien Anspruch auf Vollständigkeit. Für die geringe Zahl von Absolventinnen und Absolventen mit einem tertiären Abschluss wird immer wieder unser ‚elitäres’ universitäres Bildungssystem als wesentliche Ursache genannt. Das Prädikat ‚elitär’ wird, negativ besetzt, vor allem mit Attributen wie geringe Attraktivität und geringe Reformbereitschaft begründet. Eine eingangs geforderte Exzellenz – Initiative für die Lehre könnte beim nächsten Ranking vielleicht dazu führen, dass ‚elitär’ mit positiven Eigenschaften wie Flexibilität oder hohem Aktualitätsbezug besetzt wird.

Hahn, E. G. (2006) Gute Lehre, schlechte Lehre – was ist besser für eine Elite – Universität? In: GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung, Gesellschaft für Medizinische Ausbildung. 23/4.

Reimann, P., Zumbach, J. (2003) Supporting virtual learning teams with dynamic feedback. In The “Second Wave” of ICT in Education: from Facilitating Teaching and Learning to Engendering Education Reform. Edited by K. T. Lee and K. Mitchell. Hong Kong: AACE.

 


[1] Presse vom 10.07.2008

[2] Anmerkung: Es wird im Beitrag ausschließlich von Wissenschaftlern bzw. Forschern gesprochen

[3] Hahn 2006, 2

[4] Reimann / Zumbach 2003, 424ff

Der Artikel erschien in der QUART 1/2009


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